Wenn möglich so viel an euch ist, lebt mit allen Menschen in Frieden.
Römer 12,18
Geht es nicht um Fressen und Gefressenwerden, sondern um die Verteilung von Revieren, Weibchen und Hierarchiestufen, sollten gravierende Verletzungen und Todesfälle möglichst vermieden werden. Bei den meisten Tierarten wird eine strenge Reihenfolge von Eskalationsstufen eingehalten. Es beginnt mit Demonstrationen der eigenen Fähigkeiten und Imponiergehabe, gefolgt von Drohgebärden und Scheingefechten. Schätzen die Rivalen sich als ebenbürtig ein, kommt es zum kämpferischen Kräftemessen. Sollten bis zu diesem Punkt in der ganzen Prozedur keine wesentlichen Unterschiede in Körpergrösse, Kraft, Erfahrung, Schnelligkeit, Aggressivität usw. erkennbar sein, kann es unter Umständen zum Kampf auf Leben und Tod kommen.
Friedliche Spiesser
Eine sehr originelle Art des Kräftemessens praktizieren die Elenantilopen, äusserst sprungstarke und schnelle Herdentiere, die auf den Graslandschaften der offenen Savannen Afrikas weiden. Ausgewachsene Bullen dieser weltweit grössten Antilopenart erreichen eine Schulterhöhe von bis zu 1,80 Meter, eine Körperlänge von bis zu drei Meter und ein Gewicht von bis zu 1’000 Kilogramm. Ihre Verteidigungswaffe sind zwei eng gedrehte, gerade Hörner, die über einen Meter lang werden können. Es liegt auf der Hand, dass diese grossen und wehrhaften Tiere ein hohes Verletzungsrisiko eingehen, wenn sie ungezügelt aufeinander losstürmen, weshalb ein derartiger Kampf möglichst vermieden wird.
Werbebock
Zunächst mustern sich die Gegner intensiv. Sie schreiten nebeneinanderher und vergleichen dabei ihre Körpergrösse. Dann vollführen sie einige Sprünge und Sprints, die ihre Vitalität demonstrieren. Ein deutlich kleinerer oder schwerfälliger Gegner wird sich spätestens nach diesem kurzen “Casting” zurückziehen.
Meistens sind die Unterschiede in Körpergrösse und Schnellkraft allerdings nicht so gravierend, dass sich die Sache schon bei den Schauläufen entscheidet. Neben Körpergrösse und Hornlänge, die die Tiere selbst vergleichen können, sind auch die “Wamme”, eine fettgefüllte Hautfalte, die vom Hals bis zur Brust herunterhängt, das Haarbüschel auf der Stirn und die Graufärbung der Gesichtszeichnung von Bedeutung. Alle drei Kennzeichen sind nur bei den Männchen ausgeprägt. An ihnen lässt sich die Konzentration des “Männlichkeitshormons” Testosteron ablesen, die ein gutes Mass für die Ausbildung der Muskulatur und die Aggressivität ist. Ausserdem sind diese Faktoren altersabhängig; und ein höheres Alter steht in der Regel für eine grössere Kampferfahrung. Diese Merkmale scheinen allerdings nur für die Attraktivität der Bullen gegenüber den Kühen von Belangen zu sein, denn ohne Spiegel können die Bullen sich diesbezüglich nicht vergleichen.
Meisterklicker
Sie greifen stattdessen auf eine sehr viel ausgefeiltere Methode zurück. Beide Rivalen stellen sich nebeneinander und machen einen “Knie-klick-Wettbewerb“. Durch das plötzliche, harte Anspannen des Oberschenkelmuskels in dem beim Gehen gestreckten Vorderbein lassen sie eine Sehne über das Knie flitschen. Das laute “Klick!”, das dadurch erzeugt wird, ist hunderte Meter weit zu hören. Die beiden Bullen klicken abwechselnd, lauschen angestrengt, vergleichen ihre “Klicks” – und gehen danach meist friedlich auseinander. Der Unterlegene zieht sich zurück. Der stolze Sieger gewinnt die ganze Herde. Für alle ist es von Vorteil, wenn er bei der Auseinandersetzung mit seinem Rivalen unverletzt bleibt und seine ganze Kampfkraft für die Verteidigung gegen Raubtiere erhalten bleibt. Wodurch wurde ihnen der Rangunterschied so plötzlich klar?
Das erzeugte Geräusch enthält eine Informationsfülle, die aussagekräftiger ist als alle anderen Demonstrationen. Seine Lautstärke hängt direkt von der Spannkraft des Oberschenkelmuskels ab, seine Frequenz direkt von der Beinlänge und seine Resonanz direkt vom Volumen des Brustraums. So geben die Klicktöne ein sehr genaues Bild von Kraft, Grösse und Ausdauer und damit der Kampfkraft des Kontrahenten ab. Sie vertrauen diesem Ergebnis und verzichten darauf, es durch einen Kampf zu überprüfen.
Friedenstifter
Von dieser Konfliktlösung lässt sich lernen. Kein anderes Lebewesen geht derart zerstörerisch auf die eigenen Artgenossen los wie der Mensch. Selbst die gefallene Schöpfung zeigt, dass es meistens auch einen friedlichen Weg gibt. In Sprüche 17,14 bekommen wir folgenden Rat: “Der Anfang eines Zankes ist wie die Entfesselung von Wasser; so lass den Streit, ehe er heftig wird.”
Wenn ein Damm unter dem Druck des andrängenden Wassers zu bersten beginnt, zeigen sich zuerst nur ein Riss und ein Rinnsal. Doch die Eigendynamik des Vorgangs entzieht sich schnell jeder Kontrolle und es entsteht ein reissender Strom, der alles zerstört, was ihm in den Weg kommt. Der Ausdruck “ehe er heftig wird” lässt sich auch mit “ehe es zum Zähnefletschen kommt” übersetzen. Wir sollten den Streit also schon abbrechen, bevor die Drohgebärden beginnen. In den Versammlungen Galatiens hatten einige diese Eskalationsstufe schon hinter sich gelassen. Paulus musste ihnen schreiben: “Wenn ihr aber einander beisst und fresst, so seht zu, dass ihr nicht voneinander verzehrt werdet” (Galater 5,15). So etwas ist für gläubige Christen sehr beschämend, denn für sie gilt:
Der Gott des Ausharrens und der Ermunterung aber gebe euch, gleich gesinnt zu sein untereinander, Christus Jesus gemäss, damit ihr einmütig mit einem Mund den Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus verherrlicht. Deshalb nehmt einander auf, wie auch der Christus euch aufgenommen hat, zu Gottes Herrlichkeit.
Römer 15,5-7
Quellenangabe: vom Stein, A. (2018). Schöpfer:Hand:Werk (1. Auflage). Daniel-Verlag.